Klimawandel im Kleiderschrank: Wie Südkoreas Männer Dresscodes neu definieren

Hitzewellen, Starkregen und eine Gesellschaft im Wandel: In Südkorea geraten traditionelle Männermoden unter Druck. Gummistiefel, Sonnenschirme und Shorts halten Einzug in Büros – und lösen Debatten über Stil, Funktionalität und Geschlechterrollen aus.

Seoul – Der Klimawandel ist längst kein abstraktes Zukunftsszenario mehr, sondern prägt den Alltag in Südkorea mit zunehmender Härte. Extreme Hitzeperioden wechseln sich mit sintflutartigen Regenfällen ab. Was das für Infrastruktur und Gesundheit bedeutet, ist vielfach beschrieben. Weniger beachtet wird jedoch eine stille, aber sichtbare Folge: der Umbruch in der Männermode.

(Foto: AI)
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Der südkoreanische Videoreporter Lee Kyung-ho hat diesen Wandel am eigenen Leib erprobt. Für einen Selbstversuch erschien er im Büro in Shorts, Gummistiefeln und mit Sonnenschirm. Die Reaktionen seiner Kollegen reichten von Verwunderung bis offener Irritation. In seinem Blog beschreibt Lee, wie sehr praktische Kleidung noch immer gegen soziale Erwartungen ankämpft – und warum sich das gerade ändert.

Gummistiefel: Vom Tabu zum Trend

Lange galten Gummistiefel als weiblich konnotiert oder rein funktional. Doch mit der Zunahme von Starkregen erleben sie eine Renaissance bei Männern. Die Onlineplattform LF Mall verzeichnete zuletzt einen deutlichen Anstieg bei Suchanfragen nach „Herren-Gummistiefeln“. Internationale Marken wie Barbour haben reagiert und entsprechende Modelle gezielt für den südkoreanischen Markt eingeführt.

Besonders gefragt sind knöchel- und wadenhohe Varianten, die sich leichter in den Büroalltag integrieren lassen. Ein Nutzerbericht zeigt, warum: Trotz anfänglicher Skepsis gegenüber dem Gummimaterial erwiesen sich die Stiefel bei plötzlichen Regenschauern als unschlagbar praktisch – trockene Füße inklusive. Funktion schlägt Konvention.

Sonnenschirme: Abschied von alten Rollenbildern

Ähnlich symbolträchtig ist der Wandel beim Sonnenschirm. In Südkorea wie in Japan lange Zeit ein Accessoire älterer Frauen, entdecken zunehmend junge Männer den Nutzen. Verkaufszahlen zeigen, dass die Nachfrage bei Männern prozentual stärker wächst als bei Frauen.

Die Vorteile sind wissenschaftlich belegt. Studien des japanischen Umweltministeriums belegen, dass Sonnenschirme die Schweißproduktion senken und vor UV-bedingten Hautschäden schützen. Dennoch zögern viele Männer aus Angst vor sozialer Stigmatisierung. Kampagnen wie die japanische Initiative zur Förderung von Sonnenschirmen für Männer – gestartet 2019 – zeigen jedoch Wirkung. Auch südkoreanische Kommunen unterstützen den Trend inzwischen mit Leihangeboten im öffentlichen Raum.

Shorts im Büro: Der letzte Grenzbereich

Am heftigsten umkämpft bleibt die Frage der Shorts. Während sie in der Freizeit längst akzeptiert sind, gelten sie im Büro vielerorts als Affront. Ein internes Streitgespräch bei Korean Air über die Zulässigkeit von Shorts am Arbeitsplatz machte jüngst Schlagzeilen und verdeutlichte, wie emotional das Thema besetzt ist.

Gleichzeitig sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Online-Modeplattformen melden stark steigende Suchanfragen nach Herren-Shorts, insbesondere nach bürotauglichen Bermuda-Modellen. Stilberater empfehlen, Shorts mit Hemd, Gürtel und leichtem Sakko zu kombinieren, um Seriosität zu wahren. Der Spielraum wächst – langsam.

Funktion vor Folklore

Die Entwicklungen folgen einem klaren Muster: Der Klimawandel zwingt zur Anpassung, auch modisch. Lee Kyung-ho bilanziert, dass das Extremwetter des Jahres 2023 viele südkoreanische Männer dazu gebracht habe, tradierte Kleidungsnormen zu hinterfragen. Gummistiefel, Sonnenschirme und Shorts stehen dabei weniger für Provokation als für Pragmatismus.

Noch ist die gesellschaftliche Akzeptanz nicht überall gegeben. Doch der Trend ist eindeutig. Südkoreas Männer setzen neue Akzente in der Mode – funktional, klimabewusst und zunehmend selbstbewusst. Der Kleiderschrank wird zum Spiegel einer Gesellschaft im Umbruch.

Weitere Hintergründe und Analysen finden sich auf chosun.com