Nach zwei Jahren pandemiebedingter Unsichtbarkeit meldet sich ein Stück Geraer Wirtshauskultur zurück – mit Geschichte, Humor und einem ungewöhnlichen Dresscode.
Gera. Gummistiefel gelten gemeinhin als funktionales Schuhwerk für Matsch, Regen und Feldarbeit. In Gera jedoch stehen sie für etwas anderes: für Tradition, Geselligkeit und ein Gasthaus mit unverwechselbarem Namen. Am Sonntag, dem 23. März 2025, feiert die Gaststätte „Gummistiefel“ ihre symbolische Wiedereröffnung – und kehrt damit auch offiziell ins öffentliche Bewusstsein der Stadt zurück.
Die Traditionsgaststätte befindet sich im Victor’s Residenz-Hotel Gera an der Berliner Straße. Ganz verschwunden war sie nie: Hotelgäste konnten während der vergangenen Jahre weiterhin klassische Thüringer Küche genießen. Für viele Einheimische jedoch galt der „Gummistiefel“ als geschlossen. Die Corona-Pandemie hatte dem beliebten Treffpunkt über zwei Jahre lang faktisch den Stecker gezogen.
Ein Gasthaus mit eigenem Feiertag
Besondere Aufmerksamkeit genießt der sogenannte „Gummistiefel-Tag“, der regelmäßig donnerstags begangen wird. Dann gehört es zum guten Ton, die namensgebenden Stiefel zu tragen – nicht selten kombiniert mit Sakko oder Abendgarderobe. Wer in Gummistiefeln erscheint, wird besonders herzlich empfangen. Das augenzwinkernde Ritual ist längst Markenzeichen der Gaststätte und Ausdruck einer bewusst gepflegten Wirtshauskultur zwischen Ironie und Tradition.
Die Wiedereröffnung am 23. März soll mehr sein als ein formeller Neustart. Geplant sind Einblicke in den Hotel- und Gastronomiebetrieb, interaktive Aktionen sowie Gespräche über die Herausforderungen und Perspektiven der Branche. Der „Gummistiefel“ positioniert sich damit erneut als Ort der Begegnung – nicht nur für Hotelgäste, sondern für die Stadtgesellschaft.
Warum der „Gummistiefel“ so heißt
Der ungewöhnliche Name hat eine lange Geschichte. In der DDR-Zeit befand sich an gleicher Stelle ein Wohnheim für alleinstehende Bergleute des Uranförderbetriebs Wismut. Nach der Schicht kehrten die Männer häufig noch in ihrer Arbeitskleidung zurück – Gummistiefel inklusive. Bald sprach man im Volksmund nur noch vom „Gummistiefel“.
1977 wurde das Wohnheim in das damalige City Hotel Gera umgewandelt, 1993 erfolgte die Wiedereröffnung als Vier-Sterne-Haus, ein Status, den das heutige Victor’s Residenz-Hotel bis heute hält. Um den historischen Namen zu bewahren, entstand 1996 die Bierstube „Gummistiefel“ – als bewusste Reminiszenz an die industrielle Vergangenheit der Stadt.
Rückkehr eines Originals
Mit der Wiedereröffnung knüpft der „Gummistiefel“ an diese Geschichte an. In einer Zeit, in der viele Gasthäuser um ihre Existenz kämpfen, setzt man in Gera auf Identität, lokale Verwurzelung und ein Augenzwinkern. Oder anders gesagt: auf ein Wirtshaus, in dem Gummistiefel nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht sind.







